Nachbericht

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Nachbericht zu den Zukunftstagen Lebensmittel

Der TV-Journalist und Moderator Werner D. Prill führte durch die Auftaktveranstaltung in der Kulmbacher Stadthalle.

Zu Beginn wies Ernährungsminister Helmut Brunner darauf hin, dass Kulmbach ein idealer Ort in Bayern sei, um eine Veranstaltung wie die „Zukunftstage Lebensmittel“ durchzuführen: Mit der Genussakademie Bayern, die vom Cluster Ernährung geleitet wird, dem KErn und mit der lebendigen Tradition des Ernährungshandwerks im Brau-, Bäcker- und Fleischerhandwerk.

Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth-Stiftung, übernahm die Keynote. Er erinnerte daran, dass es bei Zukunftsfragen um unser aller Verantwortung für die Zukunft geht und wir uns fragen müssen, wo wir „zwischen Ist und Soll“ stehen. Wie können verschiedene Wege in Hinblick auf Landwirtschaft, Verarbeitung und industrieller Entwicklung nebeneinander koexistieren? Wer übernimmt welche Zukunftsverantwortung. Eine entscheidende Frage ist für Prof. Gottwald nicht nur, was wir in Zukunft tun, sondern was wir in Zukunft nicht mehr tun, wenn wir uns für eine Richtung entscheiden? Auch auf die Notwendigkeit einer ökonomischen Ethik hat der Vorsitzende der Schweisfurth-Stiftung hingewiesen: Welche Bereitschaft zeigen die Einzelnen, sich einzubringen und wer koordiniert dies? Als Beispiel griff er die Problematik des Tierwohls auf: Jeder gibt an, für Tierwohl zu sein, aber die Wenigsten wollen diese Entwicklung bezahlen. Als richtungsweisend für eine zukunftsfähige Entwicklung könnten die Sustainable Development Goals genutzt werden (SDG). Diese geben einen normativen und moralischen Bezugswert vor mit Zielen und Sollstellungen, wobei die Maßnahmen offengelassen werden. Um dies zu realisieren, ist eine Dialogbereitschaft aller Beteiligten – Politiker, Ernährungsindustrie, Handel, Verbraucher – unerlässlich.

Dr. Volker Ebert von der AFC Consulting Group stellte den eigens für die Zukunftstage erstellten Branchenreport Bayern vor. In einem Überblick, was Deutschland im Jahr 2016 bewegt hat, stand die Tierhaltung mit 17,3 Prozent ganz vorne, gefolgt von Lebensmittel-Inhaltsstoffen (9,6 %) und Lebensmittel-Kennzeichnung (9,2 %). In der Politik spiegeln sich diese Fragen allerdings kaum wieder. Mit Nahrungsmitteln wurden in Bayern 2016 24,2 Milliarden Umsatz gemacht, mit Getränken noch einmal 3,7 Milliarden (von 350 Milliarden Umsatz insgesamt). Dabei wird ein Fünftel des Umsatzes mittlerweile im Ausland verdient Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bayern eine exzellente Rohstoffbasis hat, einen in der Region verwurzelten Mittelstand, gut ausgebildete Fachkräfte sowie eine starke Forschungslandschaft und zahlreiche Cluster und Netzwerke. Allerdings macht der allgemeine Wettbewerbs- und Preisdruck auch vor Bayern nicht halt, und auch der Nachwuchsmangel nicht. Eine Besonderheit der bayerischen Ernährungswirtschaft ist die kleinteilige Struktur, die nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile mit sich bringt.

Dr. Alexander Fink von der ScMI AG (Scenario Management International AG) stellte schließlich das Kernstück der Veranstaltung vor: die acht eigens für die Zukunftstage Lebensmittel entwickelten Szenarien. Für ihn war wichtig, dass es nicht „die eine“ Zukunft gibt, weswegen Prognosen, die er als Blick in den Rückspiegel bezeichnete, auch so häufig danebenliegen. Beispielhaft sei hier die Aussage von Ron Sommer zitiert, der 1990 die Geschäfte der Telekom leitete: "Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft." Stattdessen ist es das Ziel von Szenarien, über Zukunft nachzudenken, ohne sie vorhersagen zu wollen – oder vielmehr, über mögliche Zukünfte nachzudenken. Dabei bildet ein Satz von Szenarien, wie sie für die Zukunftstage entwickelt wurden, eine (mögliche) Landkarte der Zukunft. Dabei gilt es, vernetzt zu denken, mögliche Treiber zu identifizieren und sich zu fragen, wie diese zusammenhängen. Ein Szenario ist ein Möglichkeitsraum, ein Denkwerkzeug, der oder das nachvollziehbar entstanden ist. Grundlage der acht Szenarien waren 21 Schlüsselfaktoren. Die Szenarien wurden anhand von zwei Achsen gruppiert: der Regulierungs–Deregulierungs-Achse und der Innovation – Innovationsbremse-Achse und daraus resultierend in vier Quadranten eingeordnet. Der Sinn der Szenarien ist es, die eigenen Möglichkeiten auszuloten – auch wenn extreme Szenarien wie das „Disruptions-Szenario“ ausgelotet wird, bei dem künstliche Lebensmittel sich durchsetzen. Die Szenarien bewegen sich anhand dreier Grundfragen:

  • Wo stehen wir heute: Szenario 1, 2, 3 und zum Teil 5
  • Mit welcher Zukunft rechnen wir für 2030: 3 und 5, zum Teil 4 und 6
  • Welche Zukunft wünschen wir uns: 4, 5 und 6

Es geht bei den Szenarien nicht darum, das „richtige“ zu finden, sondern darum, mit Komplexität umzugehen. Die Szenarien dienen sozusagen als Testumgebung: Was bedeutet welches Szenario für mich bzw. mein Unternehmen? Wenn das die Zukunft ist, welche Weichen sollte ich dafür jetzt stellen? Je nachdem, wie diese Antwort ausfällt, kann ich mich auf ein Szenario konzentrieren oder mehrere als Möglichkeit im Blick behalten. Dabei sollten wir auch einmal die Perspektive verändern, von der aus wir die Welt betrachten. „Die Zukunft darf uns überraschen – aber sie soll uns nicht überrumpeln.“

Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Bunds für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, berichtete über aktuelle Trends in Ernährungsindustrie, Handel und Verbraucherverhalten. Für ihn spielt zum einen die Digitalisierung in der Zukunft eine entscheidende Rolle, verkörpert unter anderem durch Amazons Alexa. Zum anderen nimmt der Online-Handel immer mehr zu. Der chinesische Amazon-Konkurrent Alibaba kümmert sich mittlerweile selbst um die gesamte Wertschöpfungskette seiner Produkte, von der Furche bis zum Teller. Allgemein ist der Ernährungsmarkt sehr lebendig: Start-ups kommen meistens aus dem Foodbereich, pro Jahr werden 1.000 Unternehmen neu gegründet (von denen viele auch schnell wieder aufgeben). Ebenso kommen pro Jahr 40.000 neue Produkte auf den Markt, von denen allerdings wiederum nur 13.000 bleiben. Die Trends mit einem relativ niedrigen Umsatz, aber einer hohen Wachstumsrate sind Protein (62,2 %), Sojaimitate (21,3 %) und Veggie-Produkte (18,1 %). Auf den Umsatz bezogen sind Bioprodukte mit 6.055 Millionen Umsatz ganz vorne. Laut eigenen Angaben kaufen 98 Prozent aller Haushalte einmal die Woche 1 Bioprodukt. Zusammengefasst ist die Zukunft in der Ernährungsindustrie laut Minhoff ethisch, ästhetisch und schnell: Der typische Verbraucher will alles, will aber, dass es moralisch eiwandfrei ist, und er will es möglichst gleich.

Live-Chat mit Bewertung der Szenarien

Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden an den Zukunftstagen Lebensmittel zu verschiedenen Fragen ihre Meinung abgeben, um herauszufinden, zu welchem Szenario die Mehrheit tendiert. Am ehesten erwartet wurden vom Publikum die Szenarien 5 (Global&Fair-Szenario), 3 (Digitalisierungs-Szenario) sowie 4 (Export-Szenario). Alle drei Szenarien sind auf der rechten Seite der Landkarte verortet, die für eine breite Innovation mit disruptiver Digitalisierung steht. Unklar ist dabei, ob eher die Richtung „nach unten“ zu mehr Deregulierung bzw. zu branchengetrieben Innovationen mit geringer Rücksicht auf Kundenwünsche erwartet wird oder eher die Richtung „nach oben“ auf der Landkarte, hin zu verbraucher- und marktgetriebenen Innovationen und Digitalisierungs-Nischen. Im Live-Chat beantworteten die Referenten die Fragen der Teilnehmer, die auf der großen Leinwand angezeigt wurden. Die Referenten waren Dr. Alexander Fink von der ScMI AG, Prof. Franz-Theo Gottwald von der Schweisfurth-Stiftung, Stephan Becker-Sonnenschein von BESO & Partner, Heike Zeller als Expertin für Regionalität und Landwirtschaftskommunikation sowie Rüdiger Strobel von der Landmetzgerei Strobel, die alle an der Entwicklung der Szenarien beteiligt waren. Bei der Wahl ihres persönlichen Wunschszenarios fiel die Wahl der meisten Referenten auf 6 oder auch 5, wobei auch digitale Aspekte, wie sie bei 3 im Vordergrund stehen, geschätzt wurden.

Am zweiten Tag wurden einzelne Szenarien in zwei verschiedenen Zukunftsräumen stärker beleuchtet. In Zukunftsraum 1 lag der Schwerpunkt auf Verbrauchermotiven, Herkunft oder Qualitätsangaben – oder auf Szenario 6, dem Regionalen Vielfalts-Szenario. In Zukunftsraum 2 ging es um Investitionstreiber, Kapitalgeber sowie Handelsabkommen und Marktregulierungen.

Zukunftsraum 1

Wie lassen sich Werte an ein breites Publikum herantragen? Wie werden diese zum Mainstream? Ist Regionalität ein Schritt zurück oder ein Schritt vorwärts? Bedeutet Vielfalt das neue Alte oder das alte Neue?

Heike Zeller, Expertin für Regionalität und Landwirtschaftskommunikation, und Andreas Fickenscher, Bäcker- und Konditormeister, dessen „Heimatbrot“ es in der Pause auch zu kosten gab. Die beiden Referenten gingen der Frage nach, welchen Einfluss Wertvorstellungen auf Produkt- und Preisgestaltung haben – anders ausgedrückt: Welche Art Kunden sind bereit, für aufwendig hergestellte Produkte angemessene Preise zu zahlen? In der Diskussion lag der Fokus auf der Frage, ob Szenario 6 wirklich als Ganzes denkbar ist, oder ob nur Einzelaspekte daraus zum Tragen kommen werden.

Prof. Richard Balling hat den Rahmen vorgestellt, den ein eher regional orientiertes Szenario braucht. Das Spannungsfeld entsteht durch die zunehmende Individualität von uns allen einerseits bei einer steigenden Forderung nach Regulierung (nach veganen Produkten, „Frei-von“-Produkten etc.). Regional erfreut sich mit über 40 regionalen Initiativen allein in Bayern einer wachsenden Bedeutung – lässt aber wiederum den Regulierungsbedarf weiter ansteigen. Der Sternekoch Felix Schneider berichtete aus der Praxis seines Restaurants Sosein., das konsequent auf regionale Produkte setzt, auf die Vielfalt von über 40 Kartoffelsorten, von denen bereits 10 selbst angebaut werden. Und auf die Wichtigkeit von lokaler und sozialer Nähe, ohne die ein wirklich ganzheitlicher Ansatz nicht möglich ist. Das Motto lautet: Herausforderungen sind Chancen.

Cathrin Brandes von der Agentur Tidbits stellte aktuelle Food-Trends vor und ging auch auf Vielfalt ein. Von Szenarien aus betrachtet ließe sich Vielfalt global mit Szenarien 3 und 4, und regional mit den Szenarien 5 und 6 erreichen. Wobei es Cathrin Brandes um „echte“ Vielfalt ging, nicht um zehnmal dasselbe Weißbrot von verschiedenen Herstellern. In Zeiten, wo Religion an Wert verliert, dient Essen häufig der Suche nach Sinnhaftigkeit und einer gewissen Kontrolle über das eigene Leben: Was ich (nicht) esse, verleiht mir Kontrolle in einer schnelllebigen Welt. Wichtig ist bei allen Trends, wie Fermentation, Megatrends wie Regionalität das „Warum“, nicht mehr nur das „Was“.

Dr. Alexander Fink ging zum Abschluss von Tag 2 in Zukunftsraum 1 noch einmal auf die Bedeutung der Szenarien ein – auch für kleine Unternehmen, die in einem regionalen Kontext agieren, zumal diese häufig flexibler sind. Bei den Szenarien geht es nicht um die Größe des Unternehmens, sondern um die Art des Denkens. Wichtig ist es, sich zu trauen, über verschiedene Zukunftsszenarien nachzudenken und sich drei, vier "Zukünfte" vorzustellen. So können die Szenarien unterstützen und die eigenen Pläne voranbringen.